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Die Schlange von Biel

2. April 2020 | Wissen

Die Uhrenstadt Biel ist um ein architektonisches Highlight reicher: die Marke Swatch hat sich in unmittelbarer Nähe zum Hauptsitz von Omega ein neues Domizil gegönnt. Eines, das man so schnell nicht vergisst.

Die Stadt Biel ist einerseits ein touristisches Kleinod mit ihrer intakten mittelalterlichen Altstadt und der unvergleichlichen Lage am Bielersee. Andererseits ist sie aber auch eine summende Industriestadt, in der einige der bekanntesten Uhrenmarken ansässig sind. In der Schweiz ist sie insofern ein Unikum, als die Sprachgrenze zwischen Deutschschweiz und Welschschweiz, der Röstigraben, mitten durch sie hindurchführt. Will man einen Kaffee bestellen, weiss man nie im Voraus, in welcher Sprache man angesprochen wird. Die meisten Bielerinnen und Bieler sind jedoch ohnehin«bilingue», also in beiden Sprachen sattelfest. So auch die Bieler Strassenschilder, die stets in zwei Sprachen Auskunft geben.

 

EINE VON DER UHRENINDUSTRIE GEPRÄGTE STADT

 

Ausserhalb der gemütlichen Altstadt ist Biel vor allem von der Uhrenindustrie geprägt, die hier seit mehr als zwei Jahrhunderten ihre Spuren hinterlässt. Das Strassennetz ist rechtwinklig angelegt, und auch die Schüss, der Fluss, der die Stadt Richtung See durchquert, ist linealgerade kanalisiert, da sie die entlang ihres Verlaufs gebauten Uhrenfabriken in vergangenen Zeiten mit Energie versorgte. Unter diesen befindet sich auch der Komplex von Omega, der sich aus fünf Gebäuden aus unterschiedlichen Epochen zusammensetzt.

In unmittelbarer Nachbarschaft von Omega ist ein neues Gebäude zu sehen, das eher an ein schlangenartiges Tier als an ein Haus erinnert. Die Marke Swatch hat  hier durch den japanischen Architekten Shigeru Ban ihren neuen Hauptsitz bauen lassen. Ein grösserer Kontrast zur übrigen Industriearchitektur Biels ist kaum vorstellbar. Wie eine Raupe, Amöbe oder Schlange liegt der 140 Meter lange Bau am Ufer der Schüss, die in diesem Abschnitt bezeichnenderweise renaturiert ist.

Swatch Hauptsitz bei Nacht

Tatsächlich ging Shigeru Ban, der vom Baustoff Holz fasziniert ist, äusserst unkonventionell an die Arbeit. Das tragende Gerüst des organisch geformten Bauwerks besteht komplett aus Holz, genauer gesagt aus 1997 Kubikmetern Holz. «Es mag unglaublich klingen», ergänzte Nick Hayek, «aber diese Menge Holz wächst in der Schweiz innerhalb von zwei Stunden wieder nach.» Er betonte auch, dass für den Bau ausschliesslich einheimisches Holz verwendet wurde. Die tragenden, gebogenen Holzstränge kreuzen sich wie ein engmaschiges Netz beinahe rechtwinklig. (Falls Sie sich für einzigartige Holzarchitektur interessieren, legen wir Ihnen das Porträt über Hermann Blumer an Herz) über  Die unzähligen Rhomben und Quadrate, die dadurch entstehen, sind teils transparent, teils opak und überspannen das gewundene Äussere wie eine strukturierte Haut. Durch die transparenten Elemente fällt grosszügig Licht in den hallenartigen Innenraum, der zum Teil mit einem länglichen Quader für Büro- und Sitzungsräume ausgefüllt ist. Die Vierecke, die keine Fenster enthalten, sind mit Elementen für Haustechnik und Beleuchtung gefüllt. Manche davon ziert ein weisses Schweizerkreuz.

Die drei verdeckten Elemente der Deckenkonstruktion: Licht, Haustechnik und das Schweizer Kreuz

EIN GEBÄUDE WIE EIN LEBEWESEN

 

Am südwestlichen Ende, zu Omega gewandt, scheint das Tier seinen Kopf zu haben. Als hätte es sein Maul weit aufgesperrt, streckt es sich über die Nicolas-G.-Hayek-Strasse und legt seinen Oberkiefer auf ein ebenfalls neues Gebäude, das den Omega-Komplex nach Nordosten abschliesst. Dieser, ebenfalls von Shigeru Ban, konzipierte Bau steht auf Stelzen und beherbergt die Cité du Temps und die beiden Museen von Omega und Swatch.

Den Swatch-Hauptsitz betritt man von der Nicolas-G.-Hayek-Strasse unter dem ausladenden Vordach, das sich wie beschrieben bis über die Cité du Temps spannt. Das grosszügige Atrium, das auch für Anlässe genutzt werden kann, erstreckt sich ohne Unterbruch bis unters Dach. Eine vertikal rhythmisierte Glasfront schliesst das Innere gegen die Strasse ab. Von hier führen gläserne Lifte und ein freistehendes Treppenhaus in die oberen Stockwerke zu den Büros und Sitzungszimmern, aber auch weiter in den hinteren Teil des Baus. Der längliche Kubus im Inneren, der mit dem sanften Schwung der Aussenhülle kontrastiert, ist weiss eingefärbt. Zusammen mit der roten Möblierung schlägt er so den Bogen zu den weissen Schweizerkreuzen an der Decke. An den Büros vorbei, gelangt man in den mittleren Teil der luftigen Konstruktion, wo der Kubus in vier treppenartig gestuften Terrassen endet und sich ein grosser Raum auftut. Auf den Terrassen kann an freistehenden Pulten gearbeitet und besprochen werden. Der Raum lässt sich aber auch für Präsentationen oder Pressekonferenzen nutzen.

hallenartiger Sitzungsraum

Will man vom Swatch-Bau zur Cité du Temps gelangen, kann man sich das Über- queren der Strasse sparen. Vom dritten Stockwerk führt eine hölzerne Brücke durch die Glasfront hinüber. Die Cité du Temps bildet mit ihrer kubischen Gestalt einen krassen Gegensatz zum Swatch-Hauptsitz. Einzig der runde Konferenzraum, der über die plane Fassade herausragt und aussen mit Millionen kleiner Kacheln verkleidet ist, wirkt wie ein organisches Pendant zur Schlange.

 

JAPANISCHER MEISTERARCHITEKT

 

Shigeru Ban, Jahrgang 1957, hat sich mit Herz und Seele einer ökologischen Architektur verschrieben, die, wenn möglich mit erneuerbaren oder rezyklierten Rohstoffen auskommt, und möglichst wenig Energie verbraucht. So sorgte er mit provisorischen Bauten aus Kartonröhren, die er für Erdbebengebiete in Japan konzipierte, für Aufsehen. In der Schweiz stehen gleich mehrere Gebäude von ihm. Zum Beispiel das Verlagshaus der Tamedia sowie der Sommerpavillon des Museums Rietberg, beide in Zürich. Im Swatch-Group-Campus in Biel stammt nicht nur der Swatch Hauptsitz, sondern auch die Cité du Temps sowie das neue Omega-Manufakturgebäude von Ban.

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