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15. März 2026 | Portrait

Der Möglichmacher

Der Möglichmacher

Plötzlich taucht sie auf, mitten aus dem saftigen Grün, als befänden wir uns im Dschungel von Costa Rica, und gleitet mit einem leisen Surren zur Talstation. Von wegen Costa Rica! Das hier ist Frümsen, das Nuss­dorf im St.Galler Rheintal in der Ostschweiz, 510 Meter über dem Meeresspiegel, und die schwarze Panoramagondel, die in diesem Moment aufsetzt, kommt aus luftigen Höhen: von der Bergstation Staubern im Alpstein im Kanton Appenzell Innerrhoden.

Gestatten: die Staubernbahn. 1 238 Höhenmeter legt sie in sechs Minuten und 23 Sekunden zurück. Sie gehört zum Berggasthaus Staubern und hat zunächst für Kopfschütteln, Staunen und Ungläu­bigkeit gesorgt. Denn die Zweiseil-Pendelbahn gilt weltweit als Unikum: Als erste Gondelbahn überhaupt wird sie zu 100 Prozent klimaneutral betrieben. Ihr Treibstoff: die Sonne. In Stosszeiten ver­bindet sie das Rheintal mit dem Alpstein im Achtminuten-Takt.

Mit einem Zischen öffnet sich die Türe, ein Wandergrüppchen steigt gut gelaunt aus, mit zerzausten Haaren und roten Wangen. Und schon geht es los, wir schweben über den Baumkronen steil hinauf. Mit jedem Höhenmeter geht der Blick weiter übers Rhein­tal: Auf der anderen Seite des Rheins liegt Vorarlberg, etwas wei­ter vorne das Fürstentum Liechtenstein, noch weiter vorne grüssen die Bündner Berge. Die späte Nachmittagssonne streichelt zur Linken warm die Zacken der Saxerlücke, zur Rechten wird das Alpsteinmassiv ausgeleuchtet, Kuhglockengebimmel ist zu hören.

SEIT 90 JAHREN FAMILIENSACHE

Auf dem schmalen Stauberngrat pfeift der Wind und jagt Wolken­fetzen über den Himmel, die Solarpanels der Bergstation glitzern in der Sonne. Von hier eröffnet sich ein Rundumpanorama vom Hohen Kasten bis zur Ebenalp, in den Alpstein hinein, hinunter ins Appen-zellerland und bis zum Bodensee. Einige Gäste haben sich in die Wolldecken auf den Liegestühlen eingekuschelt, andere sitzen bei einem späten Zvieri an den Holztischen. In der hellen Gaststube bedient Judith Lüchinger, es ist ihre 44. Saison. Ihr Mann sei in der Küche beim Abwaschen, das könne noch eine gute halbe Stunde dauern, sagt sie und wendet sich den Übernachtungsgästen zu, die soeben hergewandert sind.

Staubern ist Familiensache, seit 90 Jahren schon. In der vierten Ge­neration sind heute die Kinder und Schwiegerkinder von Judith und Daniel Lüchinger im Betrieb involviert. Einst stand Daniels Gross­mutter hier am Herd: 1935 hatte sie das Gasthaus eröffnet, seit­her ist es in Familienbesitz. Daniel Lüchinger ist hier oben zu einem grossen Teil aufgewachsen, hat früh angepackt und seiner Gross­mutter beim Kochen, Garen und Backen assistiert. Da lag die Koch­lehre auf der Hand.

Jetzt nimmt er in der Gaststube Platz, mit leicht feuchten Haaren vom Dampf in der Küche. Seit zwölf Stunden ist er auf den Bei­nen, und bis zum Feierabendbierchen vergehen wohl nochmals sechs – vor halb zwölf sei das Tageswerk selten beendet, bemerkt er und wirkt ausgesprochen zufrieden dabei. Ausserdem mag er das Abwaschen: «Dabei habe ich immer die besten Ideen.»

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ALTES FRITTIERÖL AUS DEM ALPSTEIN

Wohin Lüchingers Ideen führen, zeigt das Beispiel der Staubern-bahn. Ursprünglich hatte der Gastwirt die Bahn herkömmlich mit Diesel betrieben. Als der Ölpreis 2009 in die Höhe schnellte, kün­digte Daniel Lüchinger seinem bisherigen Lieferanten. Er werde das Frittieröl aus den Küchen befreundeter Wirte aus dem Alpstein recyclen und die Bahn damit sowie mit Sonnenenergie betreiben, liess er ihn wissen. Der Ölhändler lachte über das verrückte Ansin­nen. «Du wirst bald zurückkommen», prophezeite er.

Er lag falsch. Lüchinger besorgte sich einen Motor, der mit Pflan­zenöl betrieben wird, und brachte ihn tatsächlich mit dem Frittieröl zum Laufen. Dann geschahen zwei Dinge: Erstens musste die Staubernbahn erneuert werden. Zweitens bemerkte ein Gast, dass die Frittierölsache nicht klimaneutral sei, man müsse den Transport mit dem Auto einrechnen. Lüchinger kaufte einen Tesla und stieg komplett auf Solarenergie um: Fünf Millionen legten die Staubern-Gastgeber dafür auf den Tisch.

«Das ist viel Geld», bemerkt Daniel Lüchinger auf der Dachterrasse der Bergstation, «aber es zahlt sich aus». Er deutet zu den Seilen Richtung Rheintal: «Wir haben hier einen Pendelverkehr. Die meis­ten wandern hoch und fahren hinunter – jede Talfahrt generiert wie­der Solarstrom, selbst wenn es bewölkt ist.» Es ist sein Beitrag zum Umweltschutz. «Von Frühling bis Dezember leben wir hier oben in und mit der Natur und sehen jeden Tag, was es zu erhalten gibt.» Er möchte auch in Zukunft schneereiche Winter erleben. Die zweite Motivation heisst Unabhängigkeit. Lüchingers wollten weder dem Ölpreis noch dem Atomstrom ausgesetzt sein.

DELEGATIONEN AUS ALLER WELT

Im April 2018 wurde die weltweit erste klimaneutrale Bahn ein­geweiht – mit einem mehrtägigen Fest und einer 70 Meter langen Nusstorte. Das ungläubige Lachen über Lüchingers Idee: längst ver­stummt. Stattdessen reisen regelmässig Delegationen aus aller Welt an, die sich die Staubernbahn zum Vorbild nehmen – einmal gar eine Gruppe aus China. Ein halbes Jahr nach der Einweihung dann der Schockmoment: Am 31. Oktober 2018 springt eine der neuen Gondeln kurz nach Abfahrt von der Bergstation aus dem Tragseil und stürzt zwölf Meter in die Tiefe – glücklicherweise leer. Der äl­teste Rheintaler, der Föhn, bläst an diesem Tag heftig. Lüchingers sassen den Mediensturm aus, warteten den Untersuchungsbericht ab und nahmen die Bahn im Frühjahr 2019 erneut in Betrieb, ohne dass Anpassungen nötig gewesen wären.

Seither läuft sie wieder wie am Schnürchen. Und Pionier Lüchinger, der beim Wort «Pionier» nur den Kopf schüttelt, hat viele weitere Ideen geschmiedet, während er Pfannen schrubbte und Teller vorspülte. Für einen Mann, der von sich sagt, im Moment zu leben und sich weder um die Vergangenheit noch um die Zukunft zu kümmern, ist er bemerkenswert vorausschauend. Hinter dem Gasthaus tut sich ein tiefes Loch auf: «Hier entsteht der neue Energieraum, und da hinten werden unsere Übernachtungsgäste dereinst auf der Ter­rasse in der Morgensonne frühstücken», erläutert er die nächsten Vorhaben.

DOCH KEIN DREHRESTAURANT

Nicht jede seiner Visionen hat er verwirklicht, und im Nachhinein ist der vierfache Vater erleichtert darüber. Etwa, wenn er an das an-gedachte Drehrestaurant denkt. «Das wäre ein Hosenlupf gewor­den; gut, haben wir es nicht gemacht.» Dafür ist das «Nusshaus» bei der Talstation realisiert worden – ein Bijou aus Holz in Nussform, in dem Hochzeiten gefeiert und Meetings abgehalten werden.

Es ist eine Hommage ans Nussdorf Frümsen, wo 72 Walnuss-Sorten gedeihen. Für die Nussspezialitäten auf der Staubern sorgt Toch­ter Denise, die ausgebildete Konditorin. Sohn David wiederum hat sich wie sein Vater, seine Gross- und seine Urgrossmutter die Koch­schürze umgebunden. Die Schatten auf der Staubern sind länger geworden. Auf den Liegestühlen liegen nur noch die Wolldecken. In der Gaststube haben sich die Tische gefüllt, Zeit fürs Abendessen. Das heisst: Hochbetrieb in der Küche. Daniel Lüchinger wird ge­braucht, ganz handfest. Und wie immer an mehreren Fronten. Im Kopf fordert ihn das Projekt Parkgarage bei der Talstation. «Das bedeutet wieder Diskussionen mit den Behörden», bemerkt er.

Vorschnell wird er das Handtuch nicht werfen. Und schon gar nicht darauf hören, ob jemand über sein Ansinnen lacht. Die Ver­gangenheit hat ihm oft genug recht gegeben. Dabei sieht sich der umtriebige Gastwirt keinesfalls als Visionär. «Ich bin ein Macher», sagt er und macht sich auf den Weg. Um auf halber Strecke über die Schultern zu rufen: «Ohne meine Frau, meine Kinder und Schwiegerkinder wäre ich nirgends», bevor er in der Küche ver­schwindet