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02. April 2026 | Interview

Luxus im Einklang mit der Natur

Luxus im Einklang mit der Natur

Herr Zanolari, wie definiert sich heute der Begriff Luxus in der Hotellerie und Gastro­nomie?

Marco Zanolari: Die verschiedensten Welten durch­mischen sich mehr und mehr. Massanzug und Sneakers schliessen sich nicht mehr aus – ebenso wenig wie ein Sternekoch, der ein Take-away er­öffnet. Diese neue Offenheit finde ich spannend. Bei The Living Circle bedeutet Luxus vor allem Authentizität und echte Erlebnisse. Wir lassen uns von den Bedürfnissen unserer Gäste leiten – und freuen uns, wenn daraus lebendige Momente ent­stehen, die positive Emotionen auslösen.

Was bedeutet Luxus für Sie persönlich?

Zeit, zwischendrin etwas für mich selbst oder mit meiner Familie zu unternehmen – zum Beispiel im Wald Pilze sammeln, wandern oder Golf spielen.

The Living Circle ist ein Netzwerk aus Tradi­tionsbetrieben, das eine Verbindung zwi­schen Hotellerie, Gastronomie und Land­wirtschaft knüpft und für Nachhaltigkeit und Innovation im Luxussegment steht. Seit 2023 sind Sie CEO der Gruppe. Was faszi­niert Sie daran?

Mich begeistert die Diversität des Angebots. Da­durch, dass verschiedene Häuser zu uns gehören, sind wir nicht an einen Standort gebunden und können sehr unterschiedliche Einblicke geben. In Zürich können unsere Gäste mit dem Schiff zwi­schen dem «Storchen» in der Altstadt und dem «Alex» am See pendeln. Wir offerieren die Stadt als Resort und sehen uns als Teil ihrer DNA. Im Tessin und Jura wiederum bieten wir sehr viel Platz, Naturnähe und Ruhe. Die enge Ver­bindung zu unseren Landwirtschaftsbetrieben in Zürich, im Jura und im Tessin schafft einen nach­haltigen, sinnstiftenden Kreislauf.

Das Prinzip «Farm-To-Table» spielt eine wichtige Rolle: Welche Produkte gelangen aus den eigenen Landwirtschaftsbetrieben auf den Gästeteller?

Je nach Saison haben wir Fleisch, Eier, Käse, Obst, Gemüse, Reis oder Honig aus eigener Produktion, hinzu kommt Braungerste für unser Bier. Auf rund 140 Hektaren bauen wir Wein an, darunter auch weniger bekannte Sorten wie Kerner. Alles, was wir produzieren, erzählt eine Geschichte, die wir den Gästen servieren. Wer heutzutage reist, möchte den Ort auf authen­tische Weise erleben.

The Living Circle wird als «naturnahe Luxus­hotellerie» bezeichnet. Was steckt da­hinter?

Zum einen geht es um die Wahl der Produkte und darum, dass wir bewusst mit unseren Ressourcen umgehen. Zum anderen wollen wir die Natur er-lebbar machen – sei es durch die Architektur, auf dem Teller oder bei den angebotenen Aktivitäten.

Inwiefern stellen Sie ein zunehmendes Bedürfnis der Gäste nach einem vertief­ten Bezug zur Natur fest?

Die Natur hat für viele Menschen einen neuen Stellenwert bekommen. Wir suchen heute geziel­ter nach Ruhe und Entschleunigung. Gesundheit und Longevity rücken immer mehr in den Fokus und damit auch die Frage, wie wir altern. Ernäh­rung, Schlaf und Bewegung spielen dabei eine wichtige Rolle. Es sind Aspekte, die wir bei unse­ren Angeboten berücksichtigen. Viele Menschen wollen wieder mehr bei sich ankommen. In As-cona bieten wir unseren Gästen beispielsweise an, bei der Ernte der Trauben mitzuhelfen. Das schafft Verbundenheit und lässt die Leute den Wein, den sie trinken, mit einer persönlichen Ge­schichte verbinden.

  • Luxus im Einklang mit der Natur
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Sie ermöglichen den Gästen neben dem Mithelfen bei der Weinlese viele andere Erlebnisse in aussergewöhnlichen Locations. Was lösen diese Momente in der Natur aus?

Wenn Gäste Blumen pflücken, hoch über dem Jura den Sonnenuntergang geniessen oder morgens am See meditieren, entstehen emotionale Anker. Das bringt uns zurück zum Luxus: Die Momente, die sie dabei erleben, sind unvergessliche und unbezahlbare Erinnerungen.

Wie lassen sich die Eigenheiten und die Vielfalt jedes einzelnen Betriebes bewah­ren und gleichzeitig die ganz unterschied­lichen Orte verbinden?

Es sind die gemeinsamen Werte, welche die ver­schiedenen Häuser zusammenhalten. Trotzdem bleiben sie eigenständig. Wenn die Mitarbeiten­den ihre Individualität leben können, prägt das den Charakter des Hauses entscheidend. Unser Brand Manager sorgt dafür, dass alle fünf Sinne angesprochen werden – etwa durch individuell gestaltete Uniformen, sorgfältig kuratierte Musik und unverwechselbare Raumdüfte. So bleibt der Charakter jedes Hauses erlebbar. Unsere Stärke ist es, Synergien zu nutzen, ohne Uniformität zu schaffen.

Sie sind seit vielen Jahren in der Hotellerie tätig. Was hat Sie ursprünglich dazu bewo­gen, diesen Weg einzuschlagen?

Ich hatte früh den Wunsch, die Welt zu sehen und zu spüren. Schon als Junge hat mich mein Onkel, der die Hotelfachschule besuchte und später in der ganzen Welt herumkam, beeindruckt. Ich sah es immer als schönes Ziel, das auch einmal zu machen und habe meine berufliche Laufbahn bis heute nicht bereut.

Welche Orte haben Sie auf Ihrem Werde­gang besonders geprägt?

Ich habe von überall etwas mitgenommen. Aus der asiatischen Gastgeberkultur die Herzlichkeit, aus Griechenland – Athen war mein absoluter Lieb­lingsort – echte Gastlichkeit und Freundschaft, aus dem Mittleren Osten das Prinzip «Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg».

Was verstehen Sie unter Gastfreundschaft? Kern der Gastfreundschaft ist die Herzlichkeit und dass man sich für sein Gegenüber interes­siert. Es ist wichtig, die nötige Zeit mitzubrin­gen. In einer Welt, die immer schnelllebiger und unpersönlicher wird, gewinnt das Zwischen­menschliche immer mehr an Wert.

2024 bekamen Sie die Auszeichnung «101 Iconic Hotelier of the Year» für Ihren wertebasierten Führungsstil, den Aufbau einer inspirierenden Arbeitskultur sowie das Engagement für die naturnahe Luxus­hotellerie. Können Sie uns den wertorien­tierten Führungsstil näher erläutern?

Es geht darum, den Leuten auf Augenhöhe zu be­gegnen, ihnen zuzuhören, sie einzubinden mit ihrem Stil und ihren Ideen. Vertrauen und Res­pekt stehen für mich im Zentrum. Menschen su­chen nicht einfach einen Job, sondern Sinnhaf-tigkeit. Wir haben vier zentrale Werte definiert, die wir intern sowie gegenüber unseren Gästen leben: «La Famiglia»: Wir helfen einander und stehen füreinander ein – «La Passion»: Wir sind mit Kopf, Herz und Freude bei der Sache – «Die Achtsamkeit»: Wir gehen mit offenen Sinnen durch die Welt – «WOW!»: Wir schaffen ausser­ordentliche Momente.

Sie führen rund 800 Mitarbeitende und wachen über die Geschicke von acht ver­schiedenen Häusern und landwirtschaft­lichen Betrieben. Wie stellen Sie sicher, dass Ihr Energiespeicher stets gefüllt ist?

Ich ziehe Energie aus dem, was ich tue. Wenn man viele gute Leute um sich hat, braucht man kein eigentliches «Auftanken». Es ist eine Reise, die auch immer wieder herausfordernd ist, die aber unheimlich wertschätzend und ehrlich ist. Es gibt mir Ruhe und Kraft, wenn ich frühmorgens im Zürichsee ganz allein mit dem Stand-up-Paddle unterwegs bin. Generell treibe ich viel Sport; Be­wegung hilft mir, alles in die richtigen Relationen zu setzen.

Verraten Sie uns, welche Innovationen Sie gerade beschäftigen?

Das neuste Projekt ist unser Mitarbeiterrestaurant «Casa Nostra» am Münzplatz im Herzen von Zürich. Es wurde Anfang Juli eröffnet. Es ist ein Ort des Austausches und drückt unsere Wert­schätzung gegenüber den Mitarbeitenden aus. Ist es vorstellbar, mit The Living Circle ins Ausland zu expandieren, oder soll es ein Schweizer Konzept bleiben?

Wir sind in der Schweiz verwurzelt. Aber: Es gibt sicher Destinationen, die uns beflügeln könnten. Ich kann mir beispielsweise durchaus vorstel­len, dass sich etwa Como oder der Gardasee in irgendeiner Weise mit dem Tessin verbinden liessen. Aktuell ist in diese Richtung aber nichts geplant.